Die Geschichte der sowjetischen Medienlandschaft ist die Chronik eines radikalen Wandels: Weg von den kommerziellen und monarchistischen Strukturen des zaristischen Russlands, hin zu einer vollständig verstaatlichten und ideologisch zentralisierten Massenpresse[span_0](start_span)[span_0](end_span).
1. Die Ausgangslage: Presse im zaristischen Russland (vor 1917)
- Boulevard und Sensation: Die Gaseta-Kopejka war das meistgelesene Kleinbürgerblatt, gefüllt mit Werbung und Detektivromanen, um die Leser gezielt von der Politik abzulenken[span_1](start_span)[span_1](end_span).
- Das offizielle Gewand: Die Nowoje Wremja ahmte westliche Großzeitungen nach, fungierte im Grunde jedoch als das reaktionäre, opportunistische Sprachrohr der zaristischen Regierung[span_2](start_span)[span_2](end_span).
- Rechte Hetze: Monarchistische Blätter wie Russkoje Snamja säten nationalen Hass und provozierten unter kaiserlichem Schutz Pogrome gegen Minderheiten[span_3](start_span)[span_3](end_span).
- Die liberale Presse: Zeitungen wie Retschj oder Utro Rossii hingen vollständig am Tropf von Großindustriellen und Bankiers[span_4](start_span)[span_4](end_span). Die kritische Arbeiterpresse hingegen wurde drakonisch verfolgt; die 1912 gegründete bolschewistische Prawda wurde in zweieinhalb Jahren achtmal verboten[span_5](start_span)[span_5](end_span).
2. Der Bruch: Revolution und Bürgerkrieg (1917–1922)
- Verbot der Opposition: Mit der Oktoberrevolution 1917 wurde die Großindustrie und damit die polygraphische Basis (Druckereien und Papierfabriken) verstaatlicht[span_6](start_span)[span_6](end_span). Da die verbliebenen bürgerlichen Redaktionen im Bürgerkrieg zu Zentren des Widerstands und der Sabotage wurden, liquidierte die Sowjetmacht diese Presseorgane schrittweise bis zum Sommer 1918[span_7](start_span)[span_7](end_span).
- Lenins Programm: Lenin forderte, die Presse von einem Organ für „politische Tagesneuigkeiten“ in ein Instrument zur wirtschaftlichen Erziehung der Massen zu verwandeln[span_8](start_span)[span_8](end_span). Zeitungen sollten Produktionsprozesse begleiten und Mängel im System erbarmungslos brandmarken[span_9](start_span)[span_9](end_span).
- Geburtsstunde der Wandzeitungen: Wegen akuten Papiermangels im Bürgerkrieg wurden Zeitungen öffentlich in Schaukästen ausgehängt[span_10](start_span)[span_10](end_span). In Fabriken entstanden die ersten handgeschriebenen Wandzeitungen – erstellt von den Arbeitern selbst, um lokale Missstände ohne Ansehen der Person anzuprangern[span_11](start_span)[span_11](end_span). Das Jahr 1921 markierte mit nur 37,8 Millionen gedruckten Büchern den absoluten Tiefpunkt der Produktion[span_12](start_span)[span_12](end_span).
3. Der Aufstieg: Sozialistischer Aufbau & Industrialisierung (1920er & 1930er)
- Spezialisierung der Medien: Es entstand eine nach Millionenauflagen zählende Massenpresse für spezifische Zielgruppen: Die Iswestija als Regierungsblatt (erschien schließlich in 16 Sprachen), die Gewerkschaftszeitung Trud, das Militärblatt Krasnaja Swesda und die vielseitige Jugendzeitung Komsomolskaja Prawda[span_13](start_span)[span_13](end_span).
- Die „Volkstümlichkeit“: Ein dichtes Netz aus Millionen von nicht-beruflichen Arbeiter- und Bauernberichterstattern (Rabkor) wurde aufgebaut[span_14](start_span)[span_14](end_span). Sie schrieben direkt aus den Betrieben an die Redaktionen und bildeten das Fundament der sowjetischen Feedback-Schleife[span_15](start_span)[span_15](end_span).
- Alphabetisierung und Buchboom: Mit der Alphabetisierungskampagne explodierte die Nachfrage[span_16](start_span)[span_16](end_span). Es entstanden die monumentalen „dicken Zeitschriften“ (Snamja, Nowyj Mir) als Zentren des literarischen Lebens[span_17](start_span)[span_17](end_span). Der Staatsverlag Ogis und die Sowjetische Enzyklopädie wurden gegründet[span_18](start_span)[span_18](end_span). Bis 1939 wurden Bücher in 111 Sprachen gedruckt – insbesondere für Völker, die vor 1917 überhaupt keine Schriftkultur besaßen[span_19](start_span)[span_19](end_span).
4. Die Zerreißprobe: Der „Große Vaterländische Krieg“ (1941–1945)
- Die Frontpresse: Bekannte Autoren wie Ilja Ehrenburg und Konstantin Simonow zogen als Kriegsberichterstatter an die Front[span_20](start_span)[span_20](end_span). Lyrik (wie Simonows berühmtes Gedicht „Warte auf mich“) und scharfe politische Satire (die Kukryniksy-Karikaturen im Satiremagazin Krokodil) wurden zu zentralen Mitteln der moralischen Stärkung und Mobilisierung[span_21](start_span)[span_21](end_span).
- Die Untergrundpresse: In den zeitweilig besetzten Gebieten betrieben Partisanen hunderte illegale, oft im Geheimen unter Lebensgefahr gedruckte oder handgeschriebene Zeitungen (wie der Dnowez), um den Widerstandsgeist aufrechtzuerhalten[span_22](start_span)[span_22](end_span).
5. Die Nachkriegszeit und Bilanz (Stand 1947/1948)
Zum 30-jährigen Jubiläum der Sowjetmacht zog die Unions-Buchkammer eine monumentale Bilanz über die Entwicklung des Buchdrucks von 1918 bis 1947[span_23](start_span)[span_23](end_span):
| Zeitraum |
Bücher & Broschüren (in Tsd.) |
Gesamtauflage (in Mill. Exempl.) |
Druckbogen (in Mill.) |
| 1918–1922 |
159,5[span_24](start_span)[span_24](end_span) |
1.186,3[span_25](start_span)[span_25](end_span) |
6.330,0[span_26](start_span)[span_26](end_span) |
| 1923–1937 |
443,1[span_27](start_span)[span_27](end_span) |
5.579,0[span_28](start_span)[span_28](end_span) |
27.981,4[span_29](start_span)[span_29](end_span) |
| 1938–1947 |
270,1[span_30](start_span)[span_30](end_span) |
4.212,3[span_31](start_span)[span_31](end_span) |
21.173,6[span_32](start_span)[span_32](end_span) |
| Insgesamt |
872,7[span_33](start_span)[span_33](end_span) |
10.977,6[span_34](start_span)[span_34](end_span) |
55.485,0[span_35](start_span)[span_35](end_span) |
Den Löwenanteil der Buchproduktion machte die politische und sozialökonomische Literatur aus (ca. 35 %), gefolgt von schöngeistiger Literatur (ca. 20 %) sowie Naturwissenschaften und Technik[span_36](start_span)[span_36](end_span). Die Werke von Marx, Engels, Lenin und Stalin erreichten bis dato eine Gesamtauflage von über 721 Millionen Exemplaren[span_37](start_span)[span_37](end_span).
Das sowjetische Selbstverständnis der Pressefreiheit:
Der Kern der damaligen sowjetischen Argumentation – wie er über den Artikel 125 der UdSSR-Verfassung transportiert wird – besagt, dass eine „bürgerliche“ Pressefreiheit ein Betrug sei, solange Druckereien und Papier im Besitz von Kapitalisten liegen[span_38](start_span)[span_38](end_span). Wahre Pressefreiheit existiere erst dann, wenn der Staat die materiellen Bedingungen den Werktätigen und ihren Organisationen zur Verfügung stellt, um Profitinteressen vollständig auszuschließen[span_39](start_span)[span_39](end_span).